"Irgendwo muss das Zeug ja hin!", sagen die Bergleute untertage und die Energiewirtschaft. "Das Zeug", das sind hochradioaktive Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken, und hin sollen sie nach Gorleben, in einen Salzstollen, 800 Meter tief unter die Erde.
Dagegen stellt sich seit bald drei Jahrzehnten Andreas Graf von Bernstorff und ist dafür schon aus der CDU ausgeschlossen worden. Der Graf will ausgerechnet in Nachbarschaft zum "Endlager-Erkundungsbergwerk" Speisesalz fördern und so dessen Betrieb stören. Ein Länderreport über die Grabenkämpfe um Gorleben, die Zukunftsängste der Bergleute, ihre Arbeit in der Tiefe und den langen Weg zum Endlager.
Bergmann: Immer weiter durchtreten. Kommen sie bitte durch! Ja - und weiter!
40 Menschen drängen sich in den riesigen Fahrstuhl. Kein normaler Fahrstuhl, sondern eine so genannte Seilfahrt-Anlage, mit der die Besucher des Bergwerks 840 Meter in die Tiefe rauschen. Alle haben rote Overalls an, einen Helm auf dem Kopf und einen "Sauerstoff-Selbstretter" über der Schulter hängen. Dieser Selbst-Retter soll bei einem Brand im Bergwerk Sauerstoff liefern, mindestens 50 Minuten lang, aber gebrannt hat es dort unten noch nie. Mit zehn Meter pro Sekunde geht es mitten in das umstrittenste Bergwerk Deutschlands, mitten in den Salzstock Gorleben.
Bergmann: Machen sie bitte ihre Helm-Lampen an! Oben rechts am Knopf drehen, Hand vorhalten und bitte anlassen!
Anderthalb Minuten dauert die Abwärtsfahrt. Unten angekommen, öffnen sich die hydraulischen Türen.
Bergmann: Vorsicht Stufe! Bitte Vorsicht beim Aussteigen!
Angenehm warm ist es. In dieser Tiefe, bei über 800 Metern, ist das Gestein konstante 36 Grad warm. Die Bewetterung von oben, die Frischluft, kühlt den Salzstock ein paar Grad runter. Die Wände sind grauweiß und gefurcht durch die Stahlkrallen der mächtigen Salzfräsen, die im Bergwerk eingesetzt werden. Rund sechs Meter hoch ist die Decke und abgesichert mit Drahtnetzen. Die Besuchergruppe staunt über den großzügigen Eingangsbereich.
Ältere Dame: Faszinierend. Also, die Wände hier, das könnten fast Kunstwerke sein. Was da alles glitzert, so rot! Also: ganz toll!
Dann marschiert die Gruppe los, biegt rechts ab in einen der großen Stollengänge und hört sich einen Vortrag über die Arbeit der DBE an, der "Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe mbH". Hier unten, tief im Salz, soll einmal der Müll aus deutschen Atomkraftwerken endgelagert werden. Noch ist dieser Müll zwischengelagert, oberirdisch, in Nachbarschaft zum Bergwerk, im Zwischenlager Gorleben. Verpackt in den tonnenschweren Castor-Behältern. Irgendwann soll der Müll unter der Erde verschwinden. Wenn der Salzstock geeignet ist. Ob er geeignet ist und als atomares Endlager in Frage kommt, untersucht die DBE. Den Auftrag hat das Bundesamt für Strahlenschutz erteilt, die Kosten tragen die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke. Bisher 1,5 Milliarden Euro.
Ralf Schmitt ist Pressesprecher der DBE, studierter Geologe und wohnhaft im Wendland. Unten im Salzstock trägt er einen weißen Overall, Helm, Brille und einen kurzen, dunklen Bart. Während die Besuchergruppe zu Fuß in den dunklen Gängen verschwindet, steht für den Pressesprecher und mich ein gelber, offener Mercedes-Geländewagen bereit.
Ralf Schmitt: So, jetzt fahren wir hier runter in Richtung Sprengloch, Schachtunterfahrung. Das ist auch ein Weg, den wir Besuchern nicht vorenthalten. (...) Sie sehen sechs Löcher im Zentrum. (...) Alles andere, was nummeriert ist, sind die Spreng-Bohrlöcher. Sie sehen da zwei Kreise: einen inneren und einen äußeren. Der innere wird mit voller Ladung gesprengt, der äußere Kreis nur mit einer Sprengschnur.
Rund sieben Kilometer Stollen wurden schon in den Salzstock getrieben, einer von fünf Erkundungsbereichen ist schon erschlossen. Und schon jetzt ist Ralf Schmitt zuversichtlich, dass genug Platz für den radioaktiven Müll da wäre.
Ralf Schmitt: Wenn wir nur über die hochradioaktiven, also die 30.000 Kubikmeter hochradioaktiven Abfall reden, dann haben wir so oder so kein Problem: Die bringen sie in anderthalb Erkundungsbereichen unter. Platzprobleme haben wir nicht.
Dafür haben die Planer des Endlagers andere Probleme: Problem Nummer 1: das Moratorium. Im Sommer 2002 ließ Bundesumweltminister Jürgen Trittin die Erkundungsarbeiten unterbrechen. Seitdem ruht die Arbeit im Bergwerk und der Minister initiierte einen Arbeitskreis, den Arbeitskreis Endlager, kurz: AKEnd. Gegner und Verfechter der Atomenergie saßen hier an einem Tisch und machten Vorschläge, wie - angesichts der Proteste gegen den Standort Gorleben - der Königsweg zu einem deutschen Endlager aussehen könnte.
Problem Nummer 2 für die Endlagerbauer: Das Salz in den noch unbekannten Erkundungsbereichen gehört nicht der DBE. Einige Teile des Salzstocks gehören der Kirche, andere einem langjährigen Kritiker des Endlagerprojekts: Andreas Graf von Bernstorff.
Graf Bernstorff: Ich habe ja hier mehrere Karten. Erstmal diese Karte, die zeigt den ganzen Bernstorffschen Besitz. Das ist hier der große Waldkomplex. Und nach Trebel hin, da befindet sich der Salzstock. Und man sieht hier, diese schwarzen Teile, das ist mein Wald, der liegt mitten drin und durchstößt den Salzstock von Süden nach Norden. Und das ist natürlich ein - für die, die sich mit Endlagerfragen befassen, ein sehr wichtiges Stück.
Andreas Graf von Bernstorff steht im Büro seiner Forstverwaltung, die Sonne scheint auf die alten Holzdielen. In den achtziger Jahren hatte man ihm rund 30 Millionen D-Mark für sein Salz geboten. Der Graf blieb stur, er behielt sein Land und das Salz darunter. Wie viele andere glaubt er nicht an Eignung des Salzstocks Gorleben als Atommülllager.
Die Befürchtung: Grundwasser könne Kontakt zum Müll bekommen und radioaktiv verseucht wieder an die Oberfläche gelangen.
Graf Bernstorff: Jeder hat hier das Gefühl: Das ist nicht nur unser Problem, wir sind hier in einem Bereich, wo Dinge für die Zukunft entschieden werden, die ungeheuer wichtig sind und das es auch von jedem einzelnen abhängt, was passiert.
Auf seinem Adelssitz in Gartow, zehn Kilometer von Gorleben entfernt, treffen sich regelmäßig die Vertreter des wendländischen Widerstands gegen die Atomanlagen im Landkreis. Bauern, Bürgerinitiativen und atomkritische Anwälte. Die Juristen sind für den rechtlichen Teil des Gorleben-Widerstands zuständig und zu diesem Teil gehört eine Firmengründung: die "Salinas AG". Ein Konkurrenzunternehmen zum Erkundungsbergwerk.
Thomas Hauswaldt: Wir befinden uns hier auf dem Gelände der Firma Salinas. Salinas hat mit Graf Bernstorff einen Pachtvertrag geschlossen. Das ist das Betriebsgelände, was in Sichtweite zum Endlager liegt. Und vor uns sehen wir eine Info-Tafel und ein Rund, wo man sitzen kann, für Gruppen, die sich informieren wollen. Und hinten noch ein Klohäuschen, weil's ja sein muss.
Thomas Hauswaldt steht in einem Waldstück, 200 Meter von den Festungsmauern des Erkundungsbergwerks entfernt. Die Spinnenweben zwischen den hohen Kiefern glänzen im Sonnenlicht, über dem welligen Waldboden hängt zwischen zwei Bäumen das Salinas-Firmenschild aus bemaltem Holz. Thomas Hauswaldt wohnt mit seiner Familie keine zehn Kilometer von Gorleben entfernt. Er arbeitet in Hamburg, als Anwalt für Wirtschaftsrecht. Groß gewachsen, sportlich, mit kurzem grauen Haar. Thomas Hauswaldt ist der Gesellschafter von "Salinas".
Thomas Hauswaldt: Die Zielrichtung von Salinas ist, dass wir zeigen wollen, dass man mit dem Salz, was hier unter uns liegt und was seit vielen Jahrhunderten ein begehrtes Nahrungsmittel ist, dass man da mehr draus machen kann als es zu vernichten wie das unsere Konkurrenz, 100 Meter weiter, machen will.
Über 1000 Menschen haben schon Salinas-Anteile gezeichnet, zu je 250 Euro. Möglichst bald soll die Sole-Förderung beginnen. Wenn es losgeht, so Thomas Hauswaldt, ...
Thomas Hauswaldt: ... dann würden genau hier wo wir sitzen, den Bohrmeißel ansetzen und nach unten bohren. Ungefähr sechshundert bis siebenhundert Meter. Und würden erstmal im Ausspülungsverfahren eine Salzkaverne schaffen. Das Salz würde als Sole an die Erdoberfläche gefördert werden, dann abtransportiert und im Pfannensiede-Verfahren aufbereitet. Die Sole als solche ist ein sehr hochwertiges Produkt. Das kann man auch als Sole vermarkten.
Genau an der Stelle, an der der Salzstock für ein atomares Endlager weiter erkundet werden soll, möchte Salinas ihr Produkt fördern. Dass es dabei weniger um Salz als vielmehr um das Endlagerprojekt nebenan geht, bestreitet der Wirtschaftsjurist.
Thomas Hauswaldt: Nein! Sie spielen jetzt darauf an, dass wir irgendetwas verhindern wollen. Das ist nicht unsere Intention in erster Linie. Wenn wir mit unserem Ziel, das Nahrungsmittel dem bestimmungsgemäßen Gebrauch zuzuführen, wenn wir damit auch was verhindern können, dann nehmen wir das billigend in Kauf. Aber das ist nicht unser Ziel.
Das Vorhaben der Salinas AG hatte im Frühjahr bereits den Bundestag auf den Plan gerufen. Um die Firma am Fördern zu hindern, brachte die rot-grüne Bundesregierung eine Verordnung auf den Weg.
Thomas Hauswaldt: "Gorleben-Veränderungssperren-Verordnung". G - V - Sp - V - O.
Kern der Verordnung: in Nähe des Salzstocks dürfen keine "die Standorterkundung erheblich erschwerenden Veränderungen" vorgenommen werden. Nur 50 Meter tief darf die Salinas AG bohren, viel zu niedrig, um Salz zu fördern. Jetzt wollen die Salinas-Anwälte die Verordnung unter die Lupe nehmen und planen die nächsten juristischen Schritte.
Drüben im Bergwerk wird die Salz-Firma, die noch gar kein Salz fördert, argwöhnisch beobachtet.
Betriebsrat Heinz Müller: Ich denke, zu einer solchen Unternehmung gehört schon mehr dazu. Es steht ja eine mehr oder weniger ideologische Sache dahinter. Um den Salzstock mit einer Solebohrung eventuell für einen Endlagerbetrieb unbrauchbar zu machen. Das ist das Ziel und da muss man den Hut einfach ziehen. Das ist clever gemacht.
Das sagt Heinz Müller, der Betriebsrat der DBE-Beschäftigten. Außer ihm darf sich niemand aus der Belegschaft über seine Arbeit und den Arbeitgeber äußern. Seine blonden Haare sind glatt gescheitelt, das Gesicht gegerbt. Heinz Müller wünscht sich, dass es weitergeht mit der Erkundung des Salzstocks. - Untertage, in den weiß-grauen Gängen des Bergwerks, erklärt Pressesprecher Ralf Schmitt, wie in ferner Zukunft die strahlenden Müllcontainer ins Salz geschafft werden sollen:
Ralf Schmitt: In diesen Strecken würden dann die Endlager-Behälter abgelegt werden. Man würde die runtertransportieren, auf eine Plattform tragen und würde die unten auf Schienen bis zur Einlagerungsposition transportieren. In diesen Einlagerungspositionen würden die dann abgesetzt werden. Hintereinander würden die abgelagert werden. Und anschließend werden mit Salz die Resthohlräume gefüllt.
Im Laufe von einigen hundert Jahren soll das Salz den Müll umschließen. Denn Salz ist nicht starr, sondern ein extrem zähflüssiges Gestein. Alle Hohlräume werden mit der Zeit vom Salz verschlossen, zurückholen lässt sich Müll dann nicht mehr. Auch hieran stören sich Kritiker wie Thomas Hauswaldt.
Thomas Hauswaldt: Ob Salz wirklich der beste Lagerort ist, das ist ja noch sehr die Frage. Weil die Rückholbarkeit der Klamotten ist ja überhaupt nicht gesichert. Die dritte Barriere sind ja die Fässer als solche. Und da wird gesagt, die werden nach 100 bis 150 Jahren vom Salz aufgefressen. Und wie in einem Pudding würden sie nach unten sickern, das heißt, man wird sie nie wieder finden...
Und darum fordert Thomas Hauswaldt die Erforschung neuer Einlagertechniken und eine Verlängerung des Moratoriums. - Wie es weitergeht im Streit um das Endlagerprojekt ist völlig offen. Die Entscheidung darüber treffen nicht die Bergwerker und nicht die Gerichte, sondern die Bundesregierung. So streiten CDU und SPD in ihren Koalitionsverhandlungen zurzeit auch um Gorleben. Aber viel Hoffnung in die Gespräche hat Betriebsrat Heinz Müller nicht:
Heinz Müller: Alle Beteiligten versuchen, sich daran nicht die Finger zu verbrennen. Sowohl die Stromversorger, die Abfallverursacher sind, als auch die Politiker, die die Endlagerfrage klären sollen. Letztendlich. Da spielt die Farbe der Politik überhaupt keine Rolle.
Trotzdem erwarten Gegner und Verfechter des Projekts Lösungen aus Berlin. Und ausnahmsweise herrscht Einigkeit über den Weg, den die Spitzenpolitiker der großen Koalition einschlagen sollen: Ausgerechnet die Ergebnisse des von Jürgen Trittin eingesetzten "Arbeitskreis Endlager" sollen den Streit beenden. Aus den Ergebnissen des AKEnd hat der scheidende Umweltminister ein Gesetz gemacht: das "Endlager-Suchgesetz", fertig ausformuliert liegt es in der Schublade. Beim "Endlager-Suchgesetz" geht es vor allem um drei Dinge: 1. die Bevölkerung sollte umfassend über die Suche informiert und in die Planungen mit einbezogen werden, 2. soll mindestens ein Alternativ-Standort untersucht werden und 3. soll vor einer Eignungsprüfung eines Standorts erst Kriterien festgelegt werden, denen ein Endlager für Atommüll genügen muss. Dazu der Salinas-Anwalt Thomas Hauswaldt:
Thomas Hauswaldt: Wenn man etwas erkundet, sagt man doch: ich stelle mir irgendwas vor, was ich finden will und da suchen will und stelle Kriterien auf und danach beurteile ich, ob das, was ich erkundet habe, sinnvoll ist. Hier ist es aber so, dass erst an die Wand geschossen wird und hinterher Kreise drumherum gezeichnet werden: die Zielscheibe. Bisher hat kein Mensch gesagt, welche Kriterien hier für die Erkundung gelten sollen.
Heinz Müller: Das AKEnd-Verfahren vom Sinn her, von der Sinnhaftigkeit ist ja nicht schlecht. Das ist ja okay, das man so was macht. Und diese Gedanken: man muss nicht gegen die Bevölkerung was machen, sondern man muss sie mitnehmen, das ist auch vollkommen korrekt. Denn sonst wird man immer Konfrontation haben, man wird nie was erreichen.
Graf Bernstorff: Hier in unserem Arbeitskreis haben wir den designierten Umweltminister Gabriel aufgefordert, sich dafür einzusetzen, dass ein Bestandteil der Koalitionsverhandlungen das "Endlager-Suchgesetz" ist und da wird es sicher Widerstände geben, aber ich bin Optimist. Ich denke, da wird etwas geschehen, was die Lage hier entschärft und es wäre klug von allen Parteien oder von denen, die jetzt etwas zu sagen haben, in der Richtung einen Schritt zu machen und sich nicht auf Gorleben einseitig festzulegen.
Heinz Müller, der Betriebsrat der DBE, stellt ganz ähnliche Forderungen an den zukünftigen Bundesumweltminister:
Heinz Müller: Wenn der Sigmar Gabriel Umweltminister werden würde, dann erwarte ich, dass die Endlagerfrage noch mal auf den Prüfstand gestellt wird, dass das Moratorium auf den Prüfstand gestellt wird, dass man sich diese Zweifelsfragen ankuckt, dass man über die Arbeiten des AKEnd rüberkuckt und dass man gemeinsam und - die Chance hat man jetzt - jetzt an einer Lösung arbeitet, wie man die Endlagerfrage klärt, wie man sie anpackt und wie man irgendwann auch zu einem Ergebnis kommt.
Illusionen macht sich Heinz Müller keine. Über das Endlager-Projekt, an dem er mitarbeitet, haben bisher nicht Expertenwissen entschieden, sondern das politische Kalkül der Bundesregierungen. Die Zukunft eines Endlagers im Gorlebener Salz bleibt ungewiss:
Heinz Müller: Das ist politisch hier. Na klar! - Was haben wir immer gesagt? : Es wird politisch leben hier und es wird politisch sterben.